Geheimwaffe „digitaler Kalender“

Wie oft habe ich Termine versemmelt, weil ich dachte: „Nächste Woche Mittwoch, 17 Uhr. Kein Problem. Das merke ich mir.“ Die Wahrheit war: Tür auf, raus, Termin weg. Nicht, weil der Termin unwichtig war. Nicht, weil ich mich nicht kümmern wollte.
Sondern weil ich durch ADHS eine eigene Beziehung zur Zeit habe. Man nennt das Zeitblindheit. Für mich gibt es oft nur zwei Zeitzonen:
Jetzt und Nicht-Jetzt.
Mein Gehirn schafft es erstaunlich zuverlässig, alles, was nicht jetzt oder maximal in den nächsten zwei Stunden passiert, in eine Art Nebelgebiet zu verschieben. Da liegt es dann. Irgendwo. Vermutlich neben den verlegten Schlüsseln, der halb vollen Kaffeetasse und der einen richtig guten Idee, die ich mir ganz bestimmt merken wollte.

Nun könnte man meinen: „Ach, wie schön. Dann bist du ja immer ganz im Moment. Spirituell betrachtet ist das doch einer der Schlüssel zum Glück.“ Ja. Könnte man meinen. In der Praxis bedeutet Zeitblindheit für mich aber nicht Erleuchtung, sondern eher Schweiß auf der Stirn. Verpasste Arzttermine. Peinliche Ausreden. Die Sorge, ein wichtiges Meeting mit einem Kunden zu vergessen, der Cartoons bestellen möchte. Oder im schlimmsten Fall einen Liefertermin zu verbummeln. Doch es gibt Hilfe: den Kalender.

Eine Gans reißt ein Kalenderblatt ab.
Eine Gans reißt ein Kalenderblatt ab.

Früher dachte ich: Es reicht, wenn ich mir irgendwo eine kurze Notiz mache. Mal im Handykalender. Mal auf Papier. Mal auf irgendeinem Zettel, der dann heldenhaft in die ewigen Jagdgründe der Ablage verschwand. Pustekuchen. Mal hatte ich den einen Kalender nicht zur Hand. Mal war der andere nicht ordentlich beschriftet. Mal wusste ich nicht mehr, ob „Do 15 Uhr“ nun ein Termin, eine Erinnerung oder ein Hilferuf aus der Vergangenheit war. Also habe ich mich irgendwann entschieden: digitaler Kalender – mit Erinnerungsfunktion.

Klingt einfach. War es aber erst einmal nicht. Denn aus lauter Sprunghaftigkeit trug ich anfangs nur Abkürzungen ein. Oder markierte nur den Tag. Oder schrieb lediglich den Beginn des Termins hinein. Das Resultat war: Ich musste ständig wieder in Mails, Briefen oder Nachrichten suchen, wann genau was genau wo genau stattfinden sollte. Einmal habe ich fast eine Dreiviertelstunde mit Schweiß auf der Stirn gesucht, was die Abkürzung „PS“ bedeuten könnte. Eingetragen für Freitag, 17 Uhr. Inklusive Internetrecherche. Inklusive innerem Drama. Nachdem kein Anruf kam mit: „Herr Roth, wo bleiben Sie?“, löste sich das Rätsel: „PS“ stand für die örtliche Problemstoffsammlung der Gemeinde. Weder dringend. Noch dramatisch. Noch existenziell.

Seitdem achte ich bei Terminen auf ein paar einfache Dinge:

  1. Ich nutze nur noch einen Kalender. In meinem Fall den auf dem Handy
  2. Jeder Termin wird vollständig eingetragen. Keine kryptischen Kürzel mehr, die nur mein Vergangenheits-Ich verstanden hat.
  3. Die Uhrzeit wird genau eingetragen: Beginn und Ende.
  4. Die Standarderinnerung ergänze ich fast immer um „1 Stunde vorher“ und „1 Tag vorher“.
  5. Und wenn möglich, kommen Adresse, Zoomlink und wichtige Hinweise direkt mit in die Notizen.

Seitdem klappt es mit den Terminen deutlich besser. Denn mein Kalender ist inzwischen so etwas wie mein Krückstock bei der Zeitblindheit.


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